Produktionsprozess Roman: Der Anfang – Teil 1

Produktionsprozess RomanOb Sie eine Geschichte zu erzählen haben oder ob Sie eine Geschichte erzählen können, sind sicherlich zwei paar Schuhe. Die Motivation dafür muss auf jeden Fall aus Ihrem Innern heraus kommen. Schön wäre es, wenn Sie für Ihr Vorhaben familiäre oder freundschaftliche Unterstützung erfahren können, doch oftmals ist das leider nicht gegeben. Bestenfalls werden Sie in Ihrem Umfeld nicht ausgebremst so etwas zu tun. Fast jeder, der zum ersten Mal den Entschluss gefasst hat, einen Roman zu schreiben, will die Ärmel hochkrempeln und loslegen. Ein neues Verzeichnis ziert die Festplatte, die Textverarbeitung ist gestartet, der erste Satz will heraus.

Ich habe jetzt keine Zahlen, wie viele Leute mit dem Vorhaben, ein Buch zu schreiben, gescheitert sind, doch es sind viele, verdammt viele. Warum? Weil das Schreiben eines Romans mehr ist, als ein wenig auf die Tastatur zu hämmern. Der Prozess des Schreibens ist langwierig und alles andere als leicht. Stunden, Tage, Monate und oftmals Jahre vergehen, ehe man das Wort ENDE schreiben kann. Zeit, die für etwas anderes fehlt. Es muss schon eine Menge Leidenschaft damit einhergehen, um das durchzuhalten. Mit dem Rauchen aufzuhören, ist im Vergleich dazu sicherlich erheblich einfacher. Fehleinschätzungen zu Anfang lassen solche Vorhaben oftmals bereits nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden. Doch selbst wenn Sie mit dem Wort ENDE Ihre Geschichte fertig gestellt haben, muss Ihr Buch noch den Weg in die Buchhandlung und/oder in den Onlineverkauf finden. Die Hürden dafür sind sogar ungleich höher als der Weg bis zum ENDE.

Aber nun gut, Sie wollen einen Roman schreiben. Es wird ein langer Prozess werden, das wissen Sie jetzt. Doch wie sieht der Anfang eines solchen Produktionsprozesses aus? Ein Produktionsprozess, an dessen Ende ein Roman stehen soll? Wie, wo und wann fängt man einen Roman an? Welche Art Roman passt zu welchem Autor? Kann jeder Autor alles schreiben?

Okay, zuerst muss da eine Geschichte sein und es muss der Wunsch vorhanden sein, sie zu Papier zu bringen. Es muss etwas geben, das man als Autor zu erzählen hat.
Oder: Der Autor rennt einem Trend hinterher. Sind es aktuell Vampirgeschichten, die primär den Umsatz der Buchhändler ankurbeln, so versucht sich der Autor eben an Vampirgeschichten. Krimis gehen immer, also soll es ein Krimi werden.

Was glauben Sie, welcher Typ Autor die besseren Geschichten zu Papier bringen kann/wird? Leider verbietet sich eine solche Fragestellung, weil beide Autorentypen gute Geschichten produzieren können. Es liegt jedoch nahe, dass ein Autor, der nur potenzielle Verkaufszahlen im Blick hat, wohl eher nicht mit übersprudelndem Herzblut an seiner Story arbeitet. Doch muss das nicht von vorneherein bedeuten, dass der Roman kein guter Roman wird.

Zurück zur Kernfrage, wie fängt man einen Roman an? Setzt man sich an den PC, ruft sein Textverarbeitungsprogramm auf und fängt an zu tippen? Das ist leider, wie Kochen wollen, ohne Einkaufen gewesen zu sein. Wie in den Pool springen zu wollen, wenn kein Wasser drin ist. Man kann schon einmal das Wasser zum Kochen bringen oder sich an den Rand des Pools stellen, weiter kommt man damit jedoch nicht.

Was bedeutet es aber nun, Wasser in den Pool laufen zu lassen? Auch das Wasser strömt nur langsam und mit stetig gleicher Menge in den Pool. Ein wenig Ordnung, ein erkennbares System muss her. Eine Gliederung vielleicht? Was will ich mitteilen? Enthält meine Geschicht eine Botschaft? Kann ich eine Prämisse benennen? Nehmen wir zwei Beispiele: Der Autor will einen historischen Roman schreiben, also muss es eine Intention für einen historischen Roman geben. Das kann vieles sein.

  • Eine Liebesgeschichte, die losgelöst jeglicher Authentizität vor einer historischen Kulisse spielen soll. Der Autor ist frei in der Wahl der Figuren. Die historische Kulisse erfordert natürlich die passende Sprache, Kleidung, Essen, Umgangsformen, der historischen Zeit angepasste Fortbewegungsmöglichkeiten, … Der Autor sollte sich grundlegend mit dem historischen Umfeld befassen.
  • Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich tatsächlich z.B. im Mittelalter ereignet hat. Dann wird der Leser wollen, dass sich die Begebenheiten, der Ort, die Figuren, so weit eben möglich, mit der damaligen Realität im Einklang befinden.

Ein anderes Beispiel: Der Autor will einen Krimi schreiben. Das kann ebenso vieles sein:

  • Ein durch und durch böser Mensch tötet. Die Polizei versucht ihn zu fassen.
  • Ein zufälliger Mord geschieht, vielleicht eher ein Unfall. Die Polizei versucht den Täter zu fassen.

In jedem Fall spielt die Polizei oder ein Kommissar als deren Vertreter oder ein Privatdetektiv oder eine Art Miss Marple eine Rolle. Menschen müssen befragt werden, sie werden verhaftet, sie werden vor Gericht gebracht, … Der Autor sollte sich also mit der Materie Polizeiarbeit und Recht auskennen.

Sich auskennen! Das ist etwas, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Im Zweifel kennt sich nämlich der Leser mit der Materie aus. Tja, und der Leser ist es, der Rezensionen schreibt und das Buch gut oder schlecht aussehen lassen kann und wird. Es darf also festgehalten werden, dass ein Autor sehr oft Fähigkeiten, zumindest ein entsprechendes Wissen, mitbringen sollte, je nach Typus des Romans und das, schon bevor es überhaupt zum Anfang kommt.

Viele Autoren lassen ihren Roman deshalb im Genre Fantasy/Science-Fiction zu Hause sein. Da können sie die Regeln selbst festlegen, ihre eigenen Welten bestimmen und sogar auf physikalische Gesetzmäßigkeiten können sie pfeifen. Doch etwas gibt es für alle Autoren zu beachten, etwas, worauf niemand pfeifen kann:

  • Es muss etwas geben, dass der Autor zu erzählen hat.
  • Die Erzählung muss fesseln, sie muss den Leser dazu bringen, die aktuelle Seite zu Ende lesen zu wollen, die Seite umblättern zu wollen, um zu erfahren, wie es auf der nächsten Seite weiter geht, … Der Leser muss Seite für Seite umblättern wollen und darf erst damit aufhören wollen, bis er das Wort ENDE gelesen hat.

Das funktioniert nicht ohne Planung. Der Autor bietet nicht nur ein Buch als Kaufobjekt an, er muss ebenfalls den Leser dazu bringen, die Seiten seines Romans umblättern zu wollen.

Das ist mehr, als man sich zu Anfang einer Geschichte gedacht hat. Das ist mehr als nur eine Geschichte zu erzählen, weit mehr. Der Leser eines Romans will nämlich mitgenommen werden. Er will in eine Welt eintauchen, die er in seinem Alltag nicht erleben kann. Mit dem ersten Satz des Romans begibt sich der Leser in eine andere Welt. Gibt es dort eine Bundeskanzlerin Angela Merkel, dann ist es eine andere als die, die er aus seinem Leben kennt. Identifiziert sich der Leser mit einer Figur, fühlt er mit ihr. Er hat Angst, wenn sie Angst hat. Er freut sich, wenn sie sich freut. Das jedoch passiert nicht automatisch. Damit das alles so passiert, dass das alles passiert, das ist Aufgabe des Autors. Diese Aufgabe fängt mit dem ersten Wort an und hört mit dem ENDE auf.

Das alles ist es, was den Anfang ausmacht. Nicht den Anfang eines Romans, nur den Anfang des Produktionsprozesses Roman, also lange, bevor der Autor seinen ersten Satz nieder schreibt.

To be continued …

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