Produktionsprozess Roman: Der Anfang – Teil 2

Produktionsprozess RomanDer Produktionsprozess eines Romans ist kein Selbstläufer. Das hat bereits eine erste nüchterne Betrachtung des Entstehungsprozesses eines Romans ergeben. Der Autor muss die Leser zu etwas bringen, weit mehr als dazu, sein Buch zu kaufen. Einem Roman liegt also eine gewisse Bringschuld des Autors inne.

  1. Je nach Typus und Genre des Romans sind spezielle Kenntnisse des Autors erforderlich.
  2. Der Autor muss den Leser Seite für Seite zum Umblättern bringen wollen.
  3. Der Autor muss etwas zu erzählen haben.

Ein paar Stichworte? Eine Gliederung? Ein Konzept muss her. Besser noch, ein Fundament. Leicht gesagt. Wie macht man das? Was wäre ein tragfähiges Fundament für ein Roman? Haben die Punkte 1.) und 2.) lediglich etwas mit den Fähigkeiten des Autors zu tun, was einfach einmal als gegeben angenommen werden soll, so könnte der Punkt 3.) womöglich nicht jedem klar sein. Als Autor weiß ich doch, was ich zu erzählen habe! Eine leidenschaftliche, mitreißende Liebesgeschichte. Oder einen spannenden Krimi, in dem der Täter zum Schluss dran glauben muss. Das ist jedoch mitnichten gemeint. Eine Story muss, na ja, sollte eine Botschaft beinhalten, eine Quintessenz.

  • Tue nichts Böses, sonst wirst du bestraft.
  • Kämpfe um deine Liebe, sonst wird das nichts.
  • Nur hartes Training kann zum Erfolg führen.

Das ist jetzt sicherlich etwas primitiv und simpel formuliert. Das muss besser werden, viel besser. Versuchen Sie doch einmal ihrer Geschichte so etwas zu entlocken.

Es gibt einen Weg, den ich für mich anwende. Eigentlich völlig überflüssig, bevor nicht das Wort ENDE geschrieben wurde, ist die Titelfindung. Welchen Titel soll der Roman bekommen? Ich jedenfalls versuche automatisch mit dem Titel etwas über die Geschichte zu sagen. Ich überlege mir bereits zu Anfang, noch weit, bevor ich den ersten Satz schreibe, mehrere mögliche Titel. Der für mich ideale Titel muss später nicht unbedingt das Cover zieren, das ist ja auch primär Sache des Verlages, sich einen verkaufsoptimalen Titel zu überlegen. Verkaufsoptimal ist eine ganz andere Findungsschiene. Es spielt auch keine Rolle, ob es den Titel womöglich bereits gibt. Es wird mein Arbeitstitel, mehr nicht. Aber mit der Titelfindung geht eine Komprimierung der Botschaft der Geschichte einher, meine Botschaft. Das ist natürlich schwierig zu erklären, da ja die Geschichte in meinem Kopf ist und ein für mich idealer Titel, ohne Kenntnis der Geschichte, nichts besagt.

Beispiel: Ich sitze in einem Landcafé und direkt gegenüber ist ein Bauernhof. Es ist Urlaubszeit und draußen auf der Terrasse des Cafés sitzen viele junge Leute. Eine junge, offensichtlich reiche Frau, aufgemacht, wie man sich eine eingebildete Zicke nicht besser vorstellen kann, meckert die Bedienung aus. Gleichzeitig, auf dem Bauernhof gegenüber, schiebt ein junger Mann mit kniehohen Stiefeln, in typischer Bauernkluft, eine Schubkarre mit Stallmist vor sich her. Könnten diese beiden Typen je zusammen kommen, eine Liebesbeziehung eingehen? Oder wären die Gegensätze unüberbrückbar? Viele Geschichten leben von solchen Gegensätzen. Will ein Autor eine Geschichte über die beiden schreiben, so gäbe es unzählige Varianten, wie sie geschrieben werden könnte. Es könnte eine klassische Liebesgeschichte werden. Genauso gut aber auch eine Komödie oder ein Krimi mit tödlichem Ausgang. Welcher Titel könnte die Geschichte am besten auf den Punkt bringen?

  • Marlene und der Stallmist
  • Der Bauer und die Landzicke
  • Tödlicher Stallmist
  • Berthold und Marlene

Am ehesten hätte der zweite Titel das Potenzial, durch das man sich nur anhand des Titels eine Geschichte vorstellen kann. Berthold und Marlene (in Anlehnung an Romeo und Julia) wäre eher nichtssagend, selbst dann, wenn die beiden sich am Ende umbringen würden. Warum kommt man so nicht weiter? Weil die Botschaft fehlt! Was soll uns die Geschichte sagen, was will uns der der Autor (mit seiner Geschichte) sagen?

Was ist die Botschaft? Also konkreter: Eine Liebesgeschichte: armer Junge und reiches Mädchen.

  1. Will der Autor mit seiner Geschichte den grundsätzlich erfolglosen Charakter dieses Vorhabens rüber bringen?
  2. Oder will er zeigen, dass Liebe so etwas meistern kann?

Die Botschaft wurde hier bereits formuliert. Man nennt es auch die Prämisse. Diesen Schritt, die Botschaft in einem solchen Satz zu formulieren, daran hapert es sehr oft. Die Prämisse ist jedoch da, sie liegt dem Autor auf der Zunge, sonst würde er ja keine Geschichte erzählen wollen. Deshalb ist es ein Versuch wert, sich der Prämisse über die Titelfindung zu nähern. Natürlich kann man auch ohne Kenntnis der Prämisse mit dem Schreiben beginnen. Nur wird es viel chaotischer und ungeordneter sein, was der Autor zu Papier bringt. Die Gefahr, etliche Seiten zu schreiben, sie wieder zu verwerfen, sich zu verheddern, ist gewaltig und das damit einhergehende Frustpotenzial nicht zu unterschätzen.

Wie könnten Titel unter 1.) aussehen?
Tränen fließen nie nach oben
Einbahnstraße Liebe
Herzen haben keine Augen

Wie könnten Titel unter 2.) aussehen?
Liebe mit Hindernissen
Todesgefahr Liebe
Tausche Tod gegen Liebe

Hier korrelieren Titel und Botschaft zumindest ein wenig. Natürlich sagt ein Titel alleine nichts aus, aber die Titelfindung ist die komprimierteste Form, die Prämisse zu formulieren. Meist ist es ja so, dass der Autor seine Geschichte im Kopf hat, aber die Botschaft nicht zu Papier bringen kann – eigentlich peinlich für einen Autor, aber oftmals Realität.

Alleine sich die verschiedensten Titel zu überlegen, bringt mich der Prämisse näher. Vielleicht funktioniert es aber auch nur bei mir. Ich kann ja nur aus meiner Perspektive erzählen. Mit der Prämisse, selbst mit einer schwammig formulierten Prämisse, ist jedenfalls das Ziel erkennbar, wenn auch nur im Kopf des Autors. Da muss es sein, um zu wissen wohin die Reise gehen soll. Das Ziel ist wichtig und das reicht für einen Anfang.

To be continued …

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