Produktionsprozess Roman: Die Perspektive

Zahnräder des GeistesDa hat jemand eine Geschichte im Kopf und tippt fleißig drauf los. Fertig ist der Roman!

Ist das so? Was kein Leser weiß und wohl auch gar nicht wissen will: Wie entsteht ein Roman?

Legt man einfach los? Vor der ersten Zeile, vor dem ersten Wort, ist da nichts? Gehen wir dem nach. Gedanken für die Geschichte schwirren herum, kommen und gehen. Doch sie müssen sich zu einem Ganzen fügen, müssen schnurren wie ein Getriebe, Zahn in Zahn muss ineinander passen. Jede Szene will überlegt sein … HALT! Da ist noch etwas. Da ist noch so vieles, das entschieden werden muss. Zum Beispiel: Welche Variante wähle ich? Habe ich überhaupt die Wahl?

Variante 1 Variante 2
… Ein Jaulen, eher ein erbärmliches Wimmern, lässt mich erstarren, zerreist mir das Herz. Ich springe in den Graben, meine Finger krallen sich in die Grabenwand der anderen Seite. Ich versuche mich hoch zu hangeln. Vergeblich, ich rutsche ab und versinke bis zu den Knien im Graben. Ein erstickes Bellen, gefolgt von einem ängstlichen Winseln, lässt mein Herz galoppieren. Meine Hände greifen nach Grasbüscheln. Ich ziehe am Gras, stemme meine Füße in den Matsch und bekomme endlich einen Ast zu fassen, an dem ich mich hochziehen kann. Dann sehe ich Geronimo, in einem matschigen Wassertümpel, die Schnauze nach oben gerichtet. Sie ragt gerade noch aus dem Wasser – er versinkt im Matsch. … … Ein Jaulen, eher ein erbärmliches Wimmern, ließ sie erstarren, zerriss ihr das Herz. Sie sprang in den Graben, ihre Finger krallten sich in die Grabenwand der anderen Seite. Sie versuchte sich hoch zu hangeln. Vergeblich, sie rutschte ab und versank bis zu den Knien im Graben. Ein ersticktes Bellen, gefolgt von einem ängstlichen Winseln, ließ ihr Herz galoppieren. Ihre Hände griffen nach Grasbüscheln. Sie zog am Gras, stemmte ihre Füße in den Matsch und bekam endlich einen Ast zu fassen, an dem sie sich hochziehen konnte. Dann sah sie Geronimo, in einem matschigen Wassertümpel, die Schnauze nach oben gerichtet. Sie ragte gerade noch aus dem Wasser – er versank im Matsch. …

Welche Variante ist besser geeignet?

  • Variante 1: Die Ich-Variante im Präsens.
  • Variante 2: Die am häufigsten verwendete Er/Sie-Variante im Präteritum.

Gibt es Regeln? Fehlanzeige, keine Regeln! Vielleicht sollte man die Leser fragen, was ihnen besser gefällt? Möglicherweise gibt es ja schon diverse, allgemeine Leserbefragungen hierzu? Welche Vorteile bzw. Nachteile haben die beiden Varianten?

Die Ich-Variante liest sich in meinen Augen besser, spannender. Ich bin näher dran am Geschehen, mehr live dabei. Das Präteritum ist da viel weiter weg. Da erzählt jemand eine Geschichte, etwas bereits Passiertes und der Erzähler weiß natürlich, wie es weiter geht.

Also: Meine Geschichte soll den Leser mitreißen und spannend werden. Was gibt es da noch zu entscheiden? Die Ich-Variante bietet genau das.

Doch leider gibt es da doch Regeln. In diversen Schreibratgebern stehen sie, im Schriftstellerforum werden sie mahnend erwähnt. Die Perspektive!

Ja, ja, die Perspektive. Der Blickwinkel, das, was die Kamera im Film ist. Bei der Ich-Variante sehe und erlebe ich die Geschichte aus der Ich-Perspektive, nur mit den Augen des Ichs, nur im Kopf des Ichs. Nur! So lautet es in den Regeln. Die Ich-Variante erlaubt es mir also nicht, meine Ich-Figur schlafen zu lassen und dem Leser gleichzeitig davon zu berichten, was eine andere Person gerade erlebt. Ganz anders als bei Variante 2.

Das schränkt meine Möglichkeiten als Autor ein, gravierend sogar. Die Geschichte, die Ereignisse, alle Geschehnisse müssen sich im Kopf oder vor den Augen meiner Ich-Figur abspielen. Mein Ich im Roman bestimmt also die Handlung. Mein Ich muss stets dort sein, wo sich etwas abspielt. Eine Einschränkung, keine Frage. Aber dafür: Mein Ich ist im Geschehen, ist stets mittendrin, ist immer genau dort, wo die Musik spielt. Das macht es als Leser so interessant, Ich-Geschichten zu lesen. Nur leider: Als Autor muss ich die Geschichte so hinbiegen, dass meine Ich-Figur stets mittendrin ist, hautnah am roten Faden agiert, den Herzschlag im Gleichschritt mit Leben und Tod, mit Trauer und Schmerz, mit Freude und Liebe.

Doch es gibt ja noch die Freiheit des Autors, all das zu tun und zu lassen, was ihm gefällt. Als Autor darf ich schreiben, wie ich will, es kommt ja später keine Autorenpolizei, die mich zu Rechenschaft zieht. Also pfeif drauf, denke ich mir. Nur der Leser kann das und wird es tun. Es gibt also letztlich nur eine Regel, die ein Autor einhalten muss: Schreibe deine Geschichte so, dass es den Lesern gefällt.

Leider bedeutet das nicht, dass ich als Autor keine Entscheidungen zu treffen habe. Wähle ich also nun die Variante 1 oder 2?

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