15.3 Die Relativität der Gegenwart
Beim Betrachten des Beispiels 2 stellt sich uns eine besondere Problematik. Die Vorstellung, dass zum Zeitpunkt Z100 für Bill alles bereits Geschehene Vergangenheit ist, was uns noch als eine ereignisoffene Zukunft erscheint, wiegt schon recht schwer und sollte uns ein paar Gedanken wert sein. Was unterscheidet uns beispielsweise von Jo? Jo reiste von seiner Gegenwart aus 100 Jahre in die Zukunft. Wir haben soeben dasselbe gemacht. Somit sollte Jo zu seinem Gegenwartszeitpunkt ebenfalls eine ereignisoffene Zukunft vor sich haben. Aus unserer Sicht jedoch war die Zukunft Jos bereits Vergangenheit. Gibt es zwischen den beiden Beispielen einen erkennbaren Unterschied?
Der einzige greifbare Unterschied liegt darin, dass wir vor unserer Reise 100 Jahre in die Vergangenheit zu Jo eine Vergangenheit erlebt haben. Sie erscheint uns real, da wir unser Gedächtnis voller erlebter Erinnerungen haben. Kann Bill, der aus der Zukunft ebenfalls 100 Jahre in die Vergangenheit reiste, auch dieses reale Gefühl einer erlebten Vergangenheit haben? Anders formuliert: Kann Bill in 200 Jahren ein Gedächtnis voll erlebter Erinnerungen von unserer, für uns noch nicht erlebten Zukunft haben? Zunächst erscheint es nur eine Frage des Standpunktes zu sein.
Für uns ist alles das, was Jo vor 100 Jahren in unserer Vergangenheit gemacht hat, bereits geschehen. So sagt es uns unser Verstand, der die Geschehnisse als Vergangenheit abgespeichert hat. Für uns und unsere Zukunft würde es auf Bill übertragen bedeuten, dass alles, was wir machen – auch für Bill – bereits als Vergangenheit abgespeichert ist. Was wäre die Konsequenz daraus?
Müssten dann nicht alle unsere zukünftigen Aktivitäten vorherbestimmt sein? Nichts wäre mehr dem Zufall überlassen, alles würde ablaufen, wie es in der Zukunft bereits bekannt wäre. Die Konsequenz: Alle Zukunft wäre bereits geschehen. Wenn man etwas weiterdenkt und sich klar macht, dass alle Leute zu jedem Gegenwartszeitpunkt dieses Dilemma haben, wäre die gesamte Geschichte ein einziger bereits gelaufener Film – sowohl was die Vergangenheit betrifft als auch für die Zukunft.
Veränderungen, die wir auf unseren Zeitreisen verursachen würden, wären ebenso vorherbestimmt, denn bezogen auf die Zukunft sind sie ja bereits geschehen.
Frage: Unterliegen wir hier einem Denkfehler? Wenn ja, an welcher Stelle?
Zunächst fällt auf, dass wir die gedanklichen Probleme eher mit dem zweiten, für die Zukunft modifizierten Beispiel haben. Das Beispiel mit der Reise 100 Jahre in die Vergangenheit zu Jo bereitet uns eigentlich keine großen Kopfschmerzen. Also sollten wir uns die Reise zu Bill 100 Jahre in die Zukunft noch einmal näher anschauen. Betrachten wir zunächst nur den Teil, der unsere Reise 100 Jahre in die Zukunft und zurück betrifft. Dieser Teil entspricht exakt dem Beispiel unserer Reise sechs Wochen in die Zukunft, um an die begehrten Lottozahlen zu kommen.
Eine funktionierende Zeitmaschine vorausgesetzt, reisen wir 100 Jahre in die Zukunft, verweilen dort eine gewisse Zeitspanne ∆t und reisen wieder zurück. Die scheinbar einzige Möglichkeit, durch die hier ein Denkfehler vorliegen könnte, wäre, dass man nicht in die Zukunft reisen kann, weil es die Zukunft noch gar nicht gibt. Man würde also mit einer funktionierenden Zeitmaschine auf einem Zeit-Ereignisstrahl landen, auf dem nichts passiert – ein großes ungeschehenes Etwas. Mangels Verifikationsmöglichkeiten müssen wir hier klein beigeben und erkennen, dass wir mit Logik alleine nicht mehr weiterkommen.
Aber etwas können wir dennoch festhalten. Wir haben es nämlich in den beiden Beispielen mit insgesamt drei Gegenwarten zu tun (Was ist der Plural von Gegenwart?). Da wäre zunächst unsere Gegenwart, von der aus wir jeweils 100 Jahre in die Vergangenheit und 100 Jahre in die Zukunft gereist sind. Nennen wir sie G. Dann gab es die Gegenwart GJo, von der aus Jo vor G minus 200 Jahren hundert Jahre in die Zukunft gereist ist. Schließlich gibt es noch den Gegenwartszeitpunkt GBill, von dem aus Bill vom Zeitpunkt Z200 100 Jahre in die Vergangenheit gereist ist, zum Zeitpunkt G plus 100 Jahre. Jeweils jeder – wir, Jo und Bill – glaubt fest, dass er in der Gegenwart lebt, von der aus er irgendwelche Aktivitäten unternimmt. Liegt hier unser Denkfehler? Kann es mehrere Gegenwarten geben? Ist die Gegenwart eventuell nur relativ oder gibt es nur eine, eine absolute Gegenwart?
Diese Fragestellung habe ich anfangs gemeint, als ich von überraschenden Auswirkungen sprach, die man vorher nie ins Kalkül gezogen hätte. Sie ergibt sich erst bei näherer Betrachtung dieser Beispiele als eine mögliche Unbekannte in unserer Betrachtung.
Unternehmen wir vom Startzeitpunkt G aus eine Zeitreise in die Vergangenheit, so wird diese Zeitreise einige Jahre später (G + x Jahre) zu einem geschichtlichen Ereignis der Vergangenheit geworden sein. Kann aber Bill zu dem Zeitpunkt G plus 200 Jahre überhaupt eine Zeitreise in seine Vergangenheit machen, wie wir es in unserem Beispiel 2 angenommen haben?
Falls ja, dann startet er diese Zeitreise mit Sicherheit von seinem Gegenwartszeitpunkt GBill aus, was bedeutet, dass es zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine Gegenwart geben wird. Wenn nein, dann könnte es daran liegen, dass es keinen Gegenwartszeitpunkt GBill geben wird.
Es ist keine Frage, die Gegenwart schreitet in der Zeit kontinuierlich voran, sodass es irgendwann sicherlich den Gegenwartszeitpunkt GBill (G plus 200 Jahre) geben wird. Aber das wäre dann nur unsere Gegenwart G, die durch Zeitablauf zu GBill geworden ist. Wie unterscheiden sich nun die drei Gegenwarten G, GJo, und GBill voneinander?
Zum einen natürlich durch die zeitliche Reihenfolge:
GJo < G < GBill, wodurch GJo zu unserer Vergangenheit geworden ist. Da Jos Zeitreise Teil unserer Vergangenheit geworden ist, hatten wir gedanklich nur wenige Schwierigkeiten mit dem Beispiel 1. Ganz anders ergab es sich jedoch beim Beispiel 2. Hierbei findet die Zeitreise von Bill nämlich zu einem Zeitpunkt statt, der für uns noch nicht begonnen hat, was es uns mangels Erfahrung schwer macht, das Beispiel zu analysieren. Zum anderen sind es die Auswirkungen des Beispiels 2, die uns Probleme bereiten.
Nehmen wir dazu einfach einmal für einen Moment an, dass man tatsächlich in die Zukunft reisen könnte und die für uns noch kommenden Ereignisse, unsere Zukunft, wären dort bereits geschehen, wie wir es nach Betrachtung des Beispiels 2 als Konsequenz formuliert haben.
Wenn wir das können, können wir dort auch am Geschehen teilnehmen und den Verlauf verändern. Wir starten also von unserem Zeit-Ereignisstrahl TE1 aus und landen in der Zukunft auf dem Zeit-Ereignisstrahl TE2. Dort verändern wir einmal bewusst die aktuellen Geschehnisse, indem wir mit den Leuten reden, ein Taxi bestellen, in den Zoo gehen und dort ein paar Tiere befreien. Außerdem unternehmen wir noch ein paar andere Dinge, die uns Spaß machen. Der Verlauf der Dinge wäre sicherlich ein anderer als ohne unsere Reise in die Zukunft. Aber all diese Dinge wären ebenso, bezogen auf eine noch weiter entfernte Zukunft, Vergangenheit und ebenfalls bereits geschehen. In dieser entfernten Zukunft müsste unser verändernder Trip in die Zukunft ebenso fester Bestandteil der Vergangenheit sein. Was immer wir auch anstellen werden, es wäre in der Zukunft bereits geschehen. „Hotel California (Eagles)“ lässt grüßen.
Es ist ja logisch, dass sich die in der Zukunft darbietende Vergangenheit aus unseren Geschehnissen bildet, beziehungsweise gebildet hat. Aber die Kernfrage lautet nun:
Bilden wir durch unsere täglichen Aktivitäten die Vergangenheit der Zukunft oder arbeiten wir ein Drehbuch der Zukunft ab?
Wir können diese Frage durch eine gedachte Reise in die Zukunft nicht wirklich lösen, da wir uns auf Spekulationen einlassen müssten. Aber es erscheint leicht nachvollziehbar, dass ein solches Drehbuch, wenn man es so nennen will, alle Aktivitäten in Abhängigkeit unzähliger Zufälle und unendlich vielen daraus resultierenden Entscheidungsvarianten enthalten müsste. Es wäre sicherlich ein extrem dickes Buch. Auch wenn jetzt der eine oder andere geneigt ist, Gott, Allah, Buddha, Manitu oder wen auch immer ins Spiel zu bringen. Vorher sollte man sich überlegen, was für einen Sinn ein solches Drehbuch machen würde. Es ist wirklich anstrengend genug, den ganzen Tag arbeiten zu gehen. Sich dann auch noch in einem Drehbuch alle Eventualitäten hierzu für alle Menschen für jeden Arbeitstag zu erdenken … Gott möge sich selbst vor so viel sinnloser Arbeit bewahren.
Sehr wahrscheinlich wirkt eine solche Annahme, dass unsere Zukunft in einer noch ferneren Zukunft bereits feststeht, also nicht. Dementsprechend lassen wir diese Annahme besser fallen.
Wo aber stehen wir dann? Die Zukunft ist wohl ein noch nicht geschriebenes Kapitel, noch nicht passiert, noch nicht geschrieben, wie auch immer man es ausdrücken will. Wohin würde man wohl reisen, wenn man in die Zukunft reisen könnte? Wie sähe das Ankunftsziel aus? Gäbe es Autos, die noch gar nicht erfunden worden sind? Gäbe es Menschen, die in noch gar nicht gebauten Gebäuden leben würden? Würde es überhaupt Leben geben?
Wir müssen wohl etwas frustriert erkennen, dass wir nicht wirklich weiterkommen. Vielleicht wagen wir unter diesen Umständen wieder einen Blick in die Vergangenheit. Möglicherweise bringt uns das etwas mehr Gewissheit?
Wir leben ja in unserer Vorstellung von Zeit gefangen, die sich mit der Gegenwart identifiziert. Angenommen, wir reisen in die Vergangenheit, sagen wir 100 Jahre. Nennen wir diese Gegenwart G-100 um anzudeuten, das es der Vergangenheitszeitpunkt G minus 100 Jahre ist. Für die Leute vor 100 Jahren, bezogen auf unseren Gegenwartszeitpunkt, also in unserer Vergangenheit, kommen wir aus der Zukunft. Wir jedoch sind der Ansicht, wir kommen aus der Gegenwart. Soweit ist das ja auch noch logisch. Aber es wird doch relativ, wenn die Leute vor 100 Jahren nicht wesentlich differenzieren, ob wir 20, 100 oder 3000 Jahre aus der Zukunft gekommen sind.
Was passiert bei einer Reise in die Vergangenheit? Wird eine Zeitmaschine in der Lage sein, die bisherigen Ereignisse ungeschehen zu machen und die Zeit mit all den Geschehnissen quasi rückwärts zu schieben? Das erscheint wohl ziemlich unrealistisch. Zu viel ist geschehen, was zu viel Energie verbraucht hat. Das würde ja auch bedeuten, die Gegenwartszeit zurück auf den Vergangenheitszeitpunkt zu setzen. Etwas wahrscheinlicher erscheint es da wohl, dass die Zeitmaschine eine Möglichkeit nutzt, den Zeitreisenden – am besten mitsamt Zeitmaschine – durch ein Wurmloch oder wie auch immer, in die Zeit zurückzuversetzen. Nehmen wir aber dennoch an, dass wir dort alles tun und lassen können, was uns die normale Gegenwart grundsätzlich auch ermöglicht. Dann wäre diese Gegenwart G-100 für uns eine Gegenwart, deren Dynamik sich nicht von der uns bisher erfahrenen Gegenwart unterscheidet. Für alle anderen Leute zu diesem Zeitpunkt wäre es eine Gegenwart, von der diese Leute glauben würden, es wäre die einzig wahre und mögliche Gegenwart. Allerdings wären uns die Geschehnisse grundsätzlich bekannt, da sie ja in unserer Vergangenheit liegen.
Diese Gegenwart G-100 unterscheidet sich definitiv von der uns bekannten Gegenwart G. Zum einen gilt G-100 < G und zum anderen sind die zur Gegenwart G-100 stattfindenden Ereignisse grundsätzlich bereits passiert, deshalb ist es ja auch die Vergangenheit. Die Ereignisse zum Gegenwartszeitpunkt G finden im Vergleich zu G-100 dort aktuell statt, sind noch nicht vorher passiert. So jedenfalls unsere Erfahrung und feste Überzeugung.
Damit unterscheidet sich die Gegenwart G deutlich von der Gegenwart G-100. Es erscheint also berechtigt, die Gegenwart G-100 als eine relative Gegenwart zu bezeichnen. Relativ im Vergleich zur Gegenwart G, da nur wir als Zeitreisende die Geschehnisse zum Zeitpunkt G-100 beeinflussen können. Im Kontext dazu bezeichnen wir die uns bekannte und erfahrene Gegenwart G als absolute Gegenwart, da alle dort lebenden Lebewesen die Geschehnisse mit unbekanntem Ausgang beeinflussen.
Bevor wir uns gleich an die Zukunft herantasten, machen wir uns besser noch ein paar Gedanken über die Vergangenheit. Fest steht, dass die Vergangenheit von uns als das in der jeweiligen Gegenwart Erlebte in unserem Gedächtnis gespeichert ist. Das ist für sich genommen jedoch noch kein Beweis für die Existenz der Vergangenheit, sondern lediglich für die Summe der Gegenwartsereignisse. Aber genau daraus erbaut sich ja die Vergangenheit. Als Beweis dafür, dass die Vergangenheit mehr ist als die in unserem Gehirn abgespeicherten Geschehnisse, dienen die Gegenstände, die wir täglich wahrnehmen können. So sehen wir beispielsweise Häuser, Autos, Pyramiden, römische Festungsruinen, … die Menschen zu irgendwelchen Gegenwartszeitpunkten gefertigt haben. Sie sind vorhanden als Konstrukte aus der Vergangenheit. Darüber hinaus gibt es beispielsweise Funde aus der Zeit der Dinosaurier, die nicht von uns Menschen stammen. Die Dinosaurier müssen zu einer Zeit gelebt haben, bevor wir unsere Fertigkeiten ins Spiel bringen konnten. Genau wie die Definition des Vergangenheitsbegriffes in Wikipedia besteht also ein kausaler Zusammenhang der Ereignisse in der Vergangenheit mit der Gegenwart
Für die Existenz der Vergangenheit lassen sich also schnell konkrete Anhaltspunkte finden, die sie als real erscheinen lässt. Dementsprechend versagt der logische Gedankenakt nicht bei der Frage, ob man in die Vergangenheit reisen könnte, die Existenz einer entsprechenden Zeitmaschine einmal vorausgesetzt.
Wie sieht es aber nun mit der Zeitreise in die Zukunft aus? Bereits in Kapitel 3 haben wir uns kurz Gedanken gemacht, ob es die Zukunft überhaupt gibt. Ob man also in die Zukunft reisen kann, wenn sie doch eventuell noch gar nicht existiert? Die Vergangenheit kennt man ja aus der Geschichte ein wenig, wenngleich das rein geschichtliche Wissen über den Ablauf des alltäglichen Lebens der Menschen in der Vergangenheit nicht unbedingt etwas aussagt. Das Wissen um die Zukunft ist natürlich für jeden Menschen hochinteressant, weit interessanter als in der Vergangenheit zu schnüffeln, die Vergangenheit zum eigenen Vorteil zu verändern einmal hinten angestellt.
Bei der Zukunft gibt es keinen kausalen Zusammenhang der zukünftigen Ereignisse mit der Gegenwart. Würde uns deshalb die Logik verbieten, in die Zukunft zu reisen, wenn sie noch gar nicht existieren würde? Also fragen wir uns einmal kurz, was denn bei einer Zeitreise in die Zukunft passieren könnte, wenn diese doch noch gar nicht existiert. Das ist natürlich eine merkwürdige Frage. Schließlich weiß das ja nun wirklich niemand. Aber was wir über die Zukunft zu wissen meinen, haben wir uns bei Wikipedia ausgeliehen. Dort haben wir gelesen: Die Zukunft ist die Zeit, die subjektiv gesehen der Gegenwart nachfolgt. Daraus lässt sich nicht schließen, dass es die Zukunft nicht oder noch nicht gibt. Sie hat zum Gegenwartszeitpunkt noch nicht stattgefunden. Das und nicht mehr, aber auch nicht weniger, kann man der Definition entnehmen. Es ist eben so, dass anders als die Vergangenheit, die Zukunft noch nicht passiert ist. Aber sie ist eben nur zum Gegenwartszeitpunkt noch nicht passiert.
Falls wir also eine Zeitmaschine hätten, die es uns ermöglichen würde, in die Zukunft zu reisen, dann wird ja für den in die Zukunft Reisenden die Gegenwart (des Zeitreisenden) quasi mit vorangeschoben bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Zeitreise in der Zukunft stoppt. So gesehen entsteht die Zukunft quasi durch die Zeitreise in die Zukunft, zumindest bis zu dem Endzeitpunkt der Zeitreise. Das wäre zumindest als äußerst logisch zu erwarten, wenn wir eine entsprechende Zeitmaschine hätten.
Wir wissen, dass sich die Vergangenheit aus den jeweiligen vorangeschrittenen Gegenwartszeitpunkten gebildet hat. Aber zu dieser sich gebildeten Vergangenheit gehört nicht nur die vorangeschrittene Zeit als solche, sondern insbesondere auch die zu den jeweiligen Gegenwartszeitpunkten stattgefundenen Ereignisse. Aber erst diese Ereignisse, die Geschehnisse zu den jeweiligen Gegenwartszeitpunkten, lassen uns die Vergangenheit sehen und nachweisen. Es sind beispielsweise die Häuser, die wir gebaut haben, die Autos, die Straßen und Brücken, die Bäume, die gewachsen sind und eben alles, was man sehen und fühlen kann. Die jeweils in der Vergangenheit vorangeschrittene Gegenwart ist aber die von allen Lebewesen gleichzeitig wahrgenommene Zeit und die Ereignisse repräsentieren die Geschehnisse, die alle Lebewesen erlebt haben.
Falls wir nun mit einer Zeitmaschine in die Zukunft reisen würden, so nur deshalb, weil wir eine solche Zeitmaschine als existent vorausgesetzt haben. Dann würde, wie gesagt, zumindest für uns der jeweilige Gegenwartszeitpunkt mit in die Zukunft reisen. Reisen wir also beispielsweise in das Jahr 2510, so würden wir mit einer solchen Zeitmaschine tatsächlich im Jahr 2510 ankommen. Das heißt, der Zielzeitpunkt unserer Reise in die Zukunft ist für uns ab der Ankunft in der Zukunft ein Gegenwartszeitpunkt G2510 im Jahr 2510. Aber würde die Zukunft das repräsentieren, was das Voranschreiten der Gegenwart für alle Lebewesen während dieser Zeitspanne bedeutet hätte? Falls nicht, wäre diese Gegenwart nur eine relative Gegenwart. Relativ, weil sie es nur für uns ist. Die Gegenwart, die wir beim Start unserer Zeitreise verlassen haben, müsste dann als die absolute Gegenwart verstanden werden, da nur sie, die absolute Gegenwart in der Lage wäre, die Zukunft mit all ihren Ereignissen zu repräsentieren.
Es ist schon schwierig mit der Zukunft. Gedanklich haben wir vielleicht Vorstellungen über die Zukunft im Kopf. So erscheint es einem Berufstätigen sehr wahrscheinlich, dass er am nächsten Morgen, genauso wie in den kommenden Wochen, auch wieder zur Arbeit fährt. Kinder, die irgendwann die Schule beendet haben werden, eine Autofahrt, die irgendwann mit einem Ziel endet oder die Erde, die sich weiter dreht, bis die Sonne aufs Neue aufgeht. Während es sich hierbei teilweise um Gedanken handelt, die keinesfalls als Beweis für die Existenz der Zukunft herhalten können, sind Aktivitäten, wie ein Ast, der den Fluss mit der Strömung hinunter treibt, logische Beweise dafür, dass die Zeit weiter voranschreitet.
Der Energieerhaltungssatz sagt uns, dass die Erde sich weiter drehen wird, dass der Ast den Fluss weiter hinunter treiben wird, dass das Auto nicht von selbst stehen bleiben wird. Selbst dann, wenn diese Aktivitäten nicht weiter voranschreiten, würde das nur deshalb so sein, weil beispielsweise jemand das Auto angehalten hat oder es jemand geschafft hat, die Erde anzuhalten, wozu ja auch Energie aufgewendet werden muss. Der Energieerhaltungssatz bleibt also ohne Wenn und Aber gültig, zumal es ja auch die Frage ist, auf welches abgeschlossene System man den Energieerhaltungssatz bei Zeitreisen anwenden muss. Auf jeden Fall passieren die Dinge in der Zukunft.
Um bei dem Beispiel mit dem Ast zu bleiben oder bei dem Auto, das auf uns zugefahren kommt, sehen wir die Zukunft quasi auf uns zukommen. Es gibt also indirekte Beweise, die die Existenz der Zukunft belegen. Aber alleine die Tatsache, dass die Gegenwart nicht weiter voranschreiten könnte, wenn es die Zukunft nicht geben würde, kann als logischer Beweis für die Existenz der Zukunft herhalten. Jedoch meint die so als existent erschlossene Zukunft bisher nur die noch kommende Zeit. Der Unterschied zwischen einer gewissen noch kommenden Zeitspanne ∆t und den Ereignissen, die noch kommen werden, kann gewaltig sein. Die zukünftige Zeit, kann man am Beispiel des im Fluss treibenden Astes kommen sehen. Das Ereignis, dass ein Ast in der kommenden Zeitspanne den Fluss hinunter treibt, aber auch.
Der Gedanke, in die Zukunft reisen zu können, die Existenz einer entsprechenden Zeitmaschine vorausgesetzt, ist also nicht grundsätzlich unlogisch, was bereits eine enorm bedeutsame Feststellung ist.
Es darf wohl auch bei einer Reise in die Zukunft als unwahrscheinlich angenommen werden, dass die Gegenwart mit all ihren jeweiligen Ereignissen mit in die Zukunft vorangeschoben wird. Viel logischer ist da die Annahme, dass wir mit einer Zeitmaschine der Zeit vorauseilen. Wie diese Zeitreise tatsächlich abläuft, ist hier wie immer vollkommen unerheblich. Ob mittels Wurmloch oder Zauberstab spielt für diese logischen Betrachtungen keine Rolle.
Falls wir nun bei der Reise in die Zukunft der Zeit vorauseilen, so wären die Ereignisse, die die normale Gegenwart bis zu dem Zeitpunkt G2510 passieren lassen würde, noch nicht geschehen. Da wir selbst allerdings tatsächlich zum Zeitpunkt G2510 landen würden, so müssten wir logischerweise eine Welt erleben, die sich uns ohne die zwischen G und G2510 passierten Ereignisse präsentieren würde.
Stellen wir uns deshalb noch einmal Jo vor. Er lebte vor 200 Jahren in unserer Vergangenheit. Dort reist er 100 Jahre in die Zukunft, also 100 Jahre vor unserer Gegenwart. Was immer er dort macht, ist für uns bereits passiert. Nur sieht Jo das ganz anders. Wir haben es soeben für unwahrscheinlich erklärt, dass es für unsere Aktivitäten die Zukunft betreffend eine Art Drehbuch gibt. Unsere Zukunft müsste also ein unbeschriebenes weißes Blatt sein. Was für einen Grund sollte es geben, diese Erkenntnis für Jo nicht gelten zu lassen?
Nun, es gibt einen feinen Unterschied. Zu dem Zeitpunkt, als Jo auf seiner Zeitreise unterwegs war, konnte er diese Aussage durchaus für sich in Anspruch nehmen. Aber ausgehend von seiner Zeitreise sind ja bis zu unserer Gegenwart heute mittlerweile immerhin 100 Jahre vergangen. Diese 100 Jahre machen den Unterschied aus. Wir wissen, dass es bis zu unserer Gegenwart eine Vergangenheit gibt. Die Zukunft darüber hinaus, die gilt allerdings als unbestimmt.
Es scheint also unwahrscheinlich, dass man in die Zukunft reisen kann. Zumindest ist es unwahrscheinlich, dass man dort etwas über die Zukunft erfahren kann. Allerdings nicht etwa, weil es an einer Zeitmaschine mangelt, die haben wir als existent vorausgesetzt. Einzig logische Überlegungen zur Existenz noch nicht geschehener Ereignisse, die die Zukunft erst als begreifbar erleben lassen könnten, lassen uns zu diesem Schluss kommen.
Rein logisch wäre eine Reise in die Zukunft aber dennoch möglich, sonst hätten wir ja auch keine Zeitmaschine. Aber es wäre hierbei eher logisch, dass es dann relative Gegenwarten geben würden, die wir erleben. Nämlich nur die für uns erlebbare Gegenwart, die wir beim Aussteigen aus der Zeitmaschine in der Zukunft wahrnehmen. Das Relative an dieser relativen Gegenwart wäre eine Zukunft, die das Voranschreiten der absoluten Gegenwart und damit einhergehend die entsprechenden Ereignisse nicht abbilden würde.
Es war bis hierhin ein nur kurzer und relativ grober Ausblick in die Thematik: Ob Zeitreisen möglich sein könnten. Aber dennoch sind wir recht schnell bei einem nur kurzen Blick über den Tellerrand auf die mögliche Existenz von relativen Gegenwarten gestoßen.
Und als weiteren Stolperstein müssen wir in Betracht ziehen, dass Jos Zeitreise in die Zukunft zum Startzeitpunkt GJo ebenso infrage zu stellen ist, wie unsere Reise in die Zukunft vom Startzeitpunkt G aus.