15.4 Wie müsste man sich Zeitreisen vorstellen?
Zeitreisen sind wirklich kein leichtes Thema. Sind jetzt relative Gegenwarten etwas Brauchbares, sind ihre Annahmen sinnvoll? Helfen sie uns weiter? Zumindest sind relative Gegenwarten denkbar. Aber könnte das nicht auch lediglich daran liegen, wie wir uns Zeitreisen vorstellen, dass wir auf so etwas wie relative Gegenwarten gestoßen sind? Stellen wir uns Zeitreisen richtig vor? Wie müsste man sich Zeitreisen denn überhaupt vorstellen?
Eigentlich ist es ja ganz einfach. Bei einer Reise in die Vergangenheit wollen wir zu einem bestimmten Zeitpunkt V dort ankommen, bei einer Reise in die Zukunft zu einem bestimmten Zeitpunkt Z. Das Wichtigste dabei jedoch: Das, was wir dort sehen und erleben, sollte das repräsentieren, was zu dem damaligen Zeitpunkt V galt, beziehungsweise was zu dem zukünftigen Zeitpunkt Z gelten wird. Andernfalls würde eine Zeitreise keinen wirklichen Sinn machen und Überlegungen dazu wären überflüssig. Was bedeutet das nun? Sehen, fühlen und erleben können wir etwas nur, wenn Ereignisse passiert sind. Ein Auto muss gebaut worden sein, ein Baum muss gewachsen sein, … So erschließt sich uns die Vergangenheit. Die Summe der sich jeweils zum Gegenwartszeitpunkt abspielenden Ereignisse bilden den kausalen Verbund zur Vergangenheit.
Damit wir die Zukunft zu einem Zeitpunkt Z ebenso sehen, fühlen und erfahren können, ist es also erforderlich, dass die jeweiligen Gegenwartsereignisse bis dahin auch tatsächlich passiert sind, dass die Gegenwart also bis zu diesem Zeitpunkt Z vorangeschritten ist. Wenn es aber so sein soll und wir als Zeitreisender von der Gegenwart zur Zukunft und wieder zurückreisen können wollen, dann müssen wir die normale Zeit, das normale Voranschreiten der Gegenwart überlisten. Wir müssten also, um von der Gegenwart G zur Zukunft Z zu reisen, schneller sein als die normale Zeit. Um das Ganze einmal in Zahlen auszudrücken, so müssten wir bei einer Zeitreise vom Startjahr 2015 in das Zukunftsjahr 2510 eine Zeitdifferenz von 495 Jahren überbrücken. Sollte die Zeitreise beispielsweise 60 Sekunden betragen, so müssten wir auf unserer Zeitreise ca. 260 Millionen Mal so schnell sein wie die normale Zeit. Dafür, dass wir uns das mittels Wurmloch oder ähnlichem Konstrukt vorstellen können, haben ja diverse Filme und Science-Fiction-Autoren gesorgt.
Bild 32
Wie schnell jedoch wäre eine Reise mittels Wurmloch oder sonst eine vergleichbare Art intergalaktischer Zeitreise? Könnte es auch sein, dass das Wurmloch den Zeitreisenden wesentlich schneller transportiert, als es der gewünschten normal vorangeschrittenen Zeit entsprechen würde? Wir wollen beispielsweise im Jahr 2510 ankommen und die normale Zeit wäre bei unserer Ankunft erst bis zum Jahre 2050 vorangeschritten. In Bild 32 ist die denkbare Zeitreisekonstellation mittels Wurmlochshuttle dargestellt.
Es fängt an, wirr zu klingen. Warum? Es liegt wohl wieder einmal daran, dass wir versuchen, unser Erfahrenes mit den uns bekannten Begriffen auf etwas uns Fremdes zu übertragen. Da wäre zunächst einmal die normal vorangeschrittene Zeit. Was meinen wir damit? Der so bezeichnete Begriff beinhaltet analog zu dem Unterschied zwischen Zeitstrahl und Zeit-Ereignisstrahl:
- die vorangeschrittene Zeit selbst, aber auch
- die mit dieser Zeit voranschreitenden Ereignisse.
Wie verhält es sich im Vergleich dazu bei einer Zeitreise mittels Wurmlochshuttle? Hier sind ebenfalls zwei Punkte zu differenzieren:
- die innere Zeitdifferenz, die real auf der Uhr des Zeitreisenden abgelesene Dauer für die Zeitreise innerhalb des Wurmlochshuttle – nach Empfinden des Zeitreisenden (60 Sekunden) und
- die äußere Zeitdifferenz bei der Reise mit einem Wurmlochshuttle – der Unterschied zwischen dem Startzeitpunkt (vor dem Einsteigen in das Wurmlochshuttle) und dem Endzeitpunkt (nach dem Aussteigen aus dem Wurmlochshuttle) der Zeitreise.
Einstein hat uns gelehrt, dass die Zeit relativ ist. Das meint, dass die Zeit in schnell bewegten Systemen in Relation zu langsameren Systemen langsamer voranschreitet. Also beispielsweise eine Zeitreise in einem schnell bewegten Wurmlochshuttle, das 60 Sekunden – auf der Uhr des Zeitreisenden – unterwegs ist. Im Vergleich dazu wäre die Zeit am Ende der Shuttlereise für alle anderen auf der Erde gebliebenen Personen um beispielsweise 495 Jahre vorangeschritten.
Eine theoretische Frage bleibt jedoch noch zu klären. Kann es sein, dass es bei der Reise mit einem Wurmlochshuttle eine unabhängig erfahrene äußere Zeit gibt? Unabhängig würde hier bedeuten, dass für eine bestimmte Art eines Wurmloches die Reise mit einem Wurmlochshuttle beispielsweise immer 900 Jahre betragen würde bei einer inneren Reisedauer von willkürlich angenommenen 60 Sekunden.
Falls diese Frage mit Ja zu beantworten wäre, könnte es eine Zeitreise der folgenden Konstellation (Bild 33) geben:
Bild 33
Wir reisen mit einem Wurmlochshuttle mit einer inneren Zeitdauer von 60 Sekunden. Die unabhängige äußere Zeitdauer soll 495 Jahre betragen. Bei einem Startzeitpunkt für die Zeitreise im Jahre 2015 landen wir also zu einem Zielzeitpunkt im Jahr 2510. Da die äußere Zeitdauer unabhängig sein soll, könnte es somit sein, dass die Zeitdifferenz für alle anderen Leute, die nicht mit dem Wurmlochshuttle unterwegs waren, beispielsweise 35 Jahre betragen hat, dementsprechend nur bis zum Jahre 2050 vorangeschritten ist.
Dem Zeitreisenden würde sich beim Aussteigen aus dem Wurmlochshuttle im Jahre 2510 nur eine relative Gegenwart präsentieren, die das Voranschreiten der äußeren Zeit bis zum Jahre 2050 wiedergibt. Die absolute Gegenwart wäre erst bis zum Jahr 2050 vorangeschritten. Man wäre somit mit dem Wurmlochshuttle zu schnell und damit der realen Zeit zu weit vorausgeeilt. Wir würden also die Zukunft nur relativ erleben können. Die Ereignisse, die wir wahrnehmen könnten, würden nur den bis zum Jahre 2050 passierten Ereignissen entsprechen, falls wir überhaupt etwas wahrnehmen würden. Es würde uns deshalb höchstens möglich sein, eine relative Zukunft zu erleben, beziehungsweise eine Zukunft mit einer relativen Gegenwart des Jahres 2050, wie auch immer diese sich dann zeigen würde.
Da aber Einsteins ehemalige Theorie mittlerweile zu einer nachgewiesenen Gewissheit geworden ist, muss eine Reise in einem Wurmlochshuttle immer in Relation zu einem anderen System betrachtet werden. Somit darf die Frage nach der Existenz einer unabhängig erfahrenen äußeren Zeit bei einer Reise mit einem Wurmlochshuttle nur mit Nein beantwortet werden. Das bedeutet, dass sich dem Zeitreisenden eines Wurmlochshuttles bei einer äußeren Zeitdauer von 495 Jahre auch beim Aussteigen aus dem Wurmlochshuttle die Verhältnisse so präsentieren würden, wie es der realen vorangeschrittenen Zeit entspricht (Bild 34).
Bild 34
Was aber, wenn wir vom Jahr 2510 wieder zurück in das Jahr 2015 reisen möchten? Dann müssten wir Minus 260 Millionen Mal so schnell sein wie die normale Zeit. Spätestens jetzt dürfte jeder ins Strudeln kommen. Egal, wie man sich ein Wurmlochshuttle vorstellt, vielleicht, dass es einfach nur andersherum genutzt wird als bei einer Reise in die Zukunft. Angenommen, die Zeitreise würde für uns wieder 60 Sekunden dauern. Was aber bedeutet das Minus? Könnte das Minus auch bedeuten, dass die Zeitreise korrekterweise 260 Millionen Mal so langsam sein müsste wie die normale Zeit? Das ist alles eher unwahrscheinlich. Viel logischer ist es doch, sich die Zeitreise mittels Wurmloch oder ähnlich gut funktionierendem Konstrukt in einem Raum-Zeit-Kontinuum vorzustellen und die Zeit als eine räumlich gerichtete Größe zu begreifen. Das heißt aber, die Zeit wäre eine vektorielle Größe, eine in den – vierdimensionalen – Raum gerichtete Größe, die ihre Richtung eben auch umkehren kann.
In einer vierdimensionalen Raumzeit sind das Jahr 2015 auf der Erde und das Jahr 2510 auf der Erde jeweils zwei Punkte, die die Zeitmaschine ansteuern können müsste. Dabei steht fest, dass wir bei einer Reise in das Jahr 2510 ganze 260 Millionen Mal so schnell sein müssten wie die normale Zeit. Ob diese Maßeinheit aber auch für die Zeitreise vom Jahr 2510 in das Jahr 2015 anzusetzen wäre, ist doch zumindest fraglich, auch wenn es quasi der Weg rückwärts wäre.
Aber wir begeben uns hier ins Reich der Physik, besser gesagt in das Reich der Science-Fiction, denn Wurmlöcher und dann noch mit solchen gewünschten Eigenschaften sind Gedankenkonstrukte, die man wählt, wenn man eigentlich mit seinem Latein am Ende ist. Und mit Logik hat das dann sehr schnell auch nichts mehr zu tun.
Aber es ging hier darum, sich vor Augen zu halten, was Zeitmaschinen können müssten, welche Ansprüche wir an eine Zeitreise stellen müssten. Dabei spielt es im Detail überhaupt keine Rolle, wie Zeitreisen tatsächlich möglich sein könnten. Jedoch nur dadurch, dass die normale Zeit weiter voranschreitet und wir zu dem bis zum Zeitpunkt Z in der Zukunft vorangeschrittenen Zeitpunkt landen, erhalten wir die Möglichkeit, die Zukunft, wie sie wirklich sein würde, zu erleben. Das bedeutet, wir landen im Falle einer Zeitreise in die Zukunft in der absoluten Gegenwart. Eine relative Zukunftsgegenwart würde uns die wahre Zukunft nicht erlebbar machen.
Anders jedoch bei einer Zeitreise in die Vergangenheit. Dort würden wir auch bei einer relativen Gegenwart die Vergangenheit erfahren können. Allerdings würde sich die Frage stellen, ob man die Vergangenheit dann auch verändern könnte, denn die absolute Gegenwart würde ja unverändert voranschreiten. Sehr logisch erscheint es also nicht, dass man in diesem Fall die Vergangenheit auch mit Auswirkungen für die absolute Gegenwart beeinflussen könnte.
Wir sind also rein logisch auf relative Gegenwarten gestoßen. Bei einer konkretisierenden Vorstellung, wie denn eigentlich Zeitreisen sinnvoll ablaufen müssten, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten, müssen wir erkennen, dass relative Gegenwarten vielleicht irgendwie denkbar oder auch möglich sein könnten. Aber sie erlauben uns nicht, die jeweilige Vergangenheit oder Zukunft so zu erleben, wie uns das vorschwebt. Also lassen wir das Thema relative Gegenwarten wieder fallen, was nicht bedeuten soll, dass es diese nicht geben könnte.