Kapitel 15 bis 15.2

  1. Ein Blick über den Tellerrand

Während meines Mathematikstudiums habe ich ein Buch gelesen, in dem es um Leute ging, die immer nur auf einer 1-dimensionalen Ausrichtung (Linie) lebten. Ebenso gab es Leute, die nur auf einer 2-dimensionalen Ausdehnung (Fläche) lebten. Die Leute beider Völker trafen sich immer nur auf der 1-dimensionalen Linie. Die 1-dimensionalen Bewohner konnten sich gar nicht vorstellen, dass man die Linie auch verlassen konnte …

Was ich damit andeuten möchte, ist bei unseren Zeitreisen den Blick über den Tellerrand zu wagen. Haben wir uns bisher mit dem Hauptthema dieses Buches: „Was wäre, wenn … Zeitreisen möglich wären?“ befasst, so wollen wir nun einen kurzen Ausblick zur Abhandlung: Ob Zeitreisen möglich sein könnten, wagen. Nicht dem technisch Machbaren dieser Frage, sondern dem damit einhergehenden logischen Aspekt wollen wir uns zuwenden. Was die Technik angeht, so haben wir ja als Annahme eine irgendwie geartete Zeitmaschine als existent vorausgesetzt.

Mögen die Fragen:

  • Was wäre, wenn Zeitreisen möglich wären?
  • Könnten Zeitreisen möglich sein?

vielleicht ähnlich klingen und sich thematisch sehr nahe sein, grundverschieden sind sie natürlich dennoch. Im Angesicht der zweiten Frage geht es darum, sich rein logisch an die folgende Fragestellung zu wagen:

  • Könnte man rein logisch gesehen in die Vergangenheit reisen?
  • Könnte man rein logisch gesehen in die Zukunft reisen?

Diese Fragestellung birgt überraschende Auswirkungen, die man vorher so nie ins Kalkül gezogen hätte. Aber dazu später mehr.

Es geht hier im Kern darum, logische Überlegungen anzustellen mit dem Ziel, Argumente oder Hinweise zu finden, die für oder gegen Zeitreisen in die Vergangenheit oder in die Zukunft sprechen. Aber wie fängt man hier an? Welche Fragen sind im Rahmen der oben genannten Möglichkeit von Zeitreisen in die Vergangenheit und/oder Zukunft zu stellen? Würden wir eine Zeitmaschine als existent voraussetzen, so sollte man doch meinen, dass man damit Zeitreisen durchführen kann und sich die Fragestellung damit erübrigen würde. Ganz so einfach ist es nicht. Sie können ja auch ein funktionierendes Auto haben und dennoch nicht damit über den Grand Canyon fahren. Bisher haben wir eine irgendwie geartete Zeitmaschine als vorhanden vorausgesetzt. Anders als bei der vorangehenden Problematik dieses Buches: Was wäre, wenn …?, könnte die existenzielle Voraussetzung einer funktionierenden Zeitmaschine jetzt womöglich hinderlich sein und in die Irre führen. Deshalb nehmen wir diese Voraussetzung nur mehr bei Bedarf an. Sehen wir also, was uns danach rein logisch bleibt.

Betrachten wir im Folgenden zwei ähnliche Beispiele, die sich nur in der Sichtweise, genauer in dem zeitlichen Standpunkt des Betrachters unterscheiden.

 

15.1 Beispiel 1: Wir reisen 100 Jahre in die Vergangenheit

Reisen wir nun für das erste Beispiel 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. Für die Leute dort kommen wir aus der Zukunft. Wir haben bisher erarbeitet, dass wir die Vergangenheit mit unserer Anwesenheit dort beeinflussen können und dadurch einen neuen Zeit-Ereignisstrahl erzeugen.

Betrachten wir nun gleichzeitig einen Zeitreisenden aus „unserer Vergangenheit“, der, bezogen auf unseren Gegenwartszeitpunkt vor 200 Jahren, 100 Jahre in die Zukunft gereist ist. Diesen Zeitreisenden, nennen wir ihn Jo, treffen wir nun auf unserer Reise 100 Jahre in die Vergangenheit. Während wir vielleicht bemüht sind, die Vergangenheit durch unsere Anwesenheit nicht über Gebühr zu verändern, damit sie überwiegend so bleibt, wie wir sie in unserer Gegenwart kennen, hat Jo ganz andere Interessen. Er möchte auf seinem Zukunftstrip etwas erleben und nimmt keine Rücksichten auf Veränderungen, weil er ja irgendwann wieder 100 Jahre zurückreist. Jos Zeitreise liegt fand also in unserer Vergangenheit statt. Überhaupt spielte sich Jos Leben komplett in unserer Vergangenheit ab. Frage: Kann Jo unsere Vergangenheit verändern?

Bild 30

Gehen wir die Sache also einmal Schritt für Schritt an. Zunächst müssen wir rein logisch erkennen, dass alles, was Jo unternommen hat, in unserer Vergangenheit liegt, also bereits geschehen ist. Demnach können wir unsere Reise 100 Jahre in die Vergangenheit höchstens auf dem Zeit-Ereignisstrahl starten, den Jo mit seiner Zeitreise zuletzt erzeugt hat. Für diese Betrachtung ist es unerheblich, ob Jo von seinem Trip 100 Jahre in die Zukunft wieder zurückgereist ist oder nicht. Deshalb nehmen wir einmal an, er ist nach einer unbestimmten Aufenthaltsdauer ∆t wieder zu seinem Startpunkt V-200 zurückgereist.

Wir können somit festhalten, dass Jo den Zeit-Ereignisstrahl TE3 erzeugt hat. Dieser Zeit-Ereignisstrahl bleibt bis zu unserer Gegenwart unverändert, sodass er die Basis für unsere Reise in die Vergangenheit darstellt. Wir treffen also zum Zeitpunkt V-100 in der Vergangenheit ein und könnten rein theoretisch miterleben, wie Jo ebenfalls zu diesem Zeitpunkt aus seiner Vergangenheit dort angereist kommt.

Wir können anhand der Zeit-Ereignisstrahlen erkennen, dass Jo unsere Vergangenheit bereits mit seiner Reise in die Zukunft zu dem Zeit-Ereignisstrahl TE2 verändert hat. Es ist uns demnach niemals möglich, den Zeitpunkt G auf dem Zeit-Ereignisstrahl TE1 zu erleben. Jo hat also unsere Vergangenheit bereits verändert. Die Vergangenheit allerdings, die wir kennengelernt haben, also den Zeit-Ereignisstrahl TE3, kann Jo von sich aus nicht mehr verändern, da sein ganzes Leben und Wirken komplett in unserer Vergangenheit liegt. Allerdings könnte Jo aufgrund unserer Anwesenheit den Zeit-Ereignisstrahl TE4 verändern. So könnte Jo beispielsweise nach einem Gespräch mit uns beschließen, sich unsere Gegenwart etwas näher anzuschauen und dorthin zu reisen, anstatt wieder zum Zeitpunkt V-200 zurückzureisen.

 

15.2 Beispiel 2: Wir reisen 100 Jahre in die Zukunft

Betrachten wir nun dasselbe Beispiel etwas modifiziert. Wir reisen von unserer Gegenwart aus 100 Jahre in die Zukunft, verweilen hier eine gewisse Zeitspanne ∆t und reisen danach wieder zurück zur Gegenwart. Ein gewisser Bill lebt 200 Jahre nach unserer Gegenwart in der Zukunft und reist 100 Jahre in die Vergangenheit. Dort treffen wir uns.

Wie sieht der Ablauf hierzu aus? Ist er völlig analog zu dem vorigen Beispiel? Zunächst stellen wir fest, dass die Zukunft für uns ja noch nicht begonnen hat, für Bill allerdings ist unsere Zukunft bereits eine feststehende Vergangenheit. Ein gedanklich schwerer Schritt, aber logisch nachvollziehbar. Bill lebt in der Zukunft. Dort ist per Definition alles Zurückliegende Vergangenheit, nur für uns ist sie noch nicht geschehen. Bill kann demnach auf seiner Zeitreise zum Zeitpunkt Z100 nicht auf dem Zeit-Ereignisstrahl TE1 ankommen.

Bild 31

Zunächst bilden sich die Zeit-Ereignisstrahlen, die wir mit unserer Zeitreise entstehen lassen. Der Zeit-Ereignisstrahl TE2 wird durch unsere Reise zum Zeitpunkt Z100 erzeugt. Zeit-Ereignisstrahl TE3 entsteht durch unsere Rückreise zu unserer Gegenwart G. Bills Startzeitpunkt für seine Reise 100 Jahre zurück in die Vergangenheit beginnt also auf dem Zeit-Ereignisstrahl TE3 zum Zeitpunkt Z200. Erst auf dem durch Bills Zeitreise entstehenden Zeit-Ereignisstrahl TE4 können wir uns treffen. Was nun geschieht, ist ohne Bills Dazutun, aus Bills Sicht, bereits geschehen. Wir verändern zwar die Zukunft aus unserer Sicht, allerdings verändern wir ohne Bills Aktivitäten nicht Bills Vergangenheit. Veränderungen könnten also nur bedingt durch Bills Aktivitäten auf dem Zeit-Ereignisstrahl TE4 stattfinden.

Von unserer Reise in die Zukunft wieder zum Zeitpunkt G angekommen, können wir festhalten: Die Ereignisse während der Zeitspanne ∆t in der Zukunft sind zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen, zumindest was unsere Aktivitäten dort angeht. So ist unser Erscheinen in der Zukunft zum Zeitpunkt Z100 vorhersehbar und gesichert.

 

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